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Leitlinie zum kreisrunden Haarausfall will heterogene Versorgung beseitigen
29. April 2026 - Deutsche Dermatologische Gesellschaft

Die neue Leitlinie zum kreisrunden Haarausfall gibt Empfehlungen zur Diagnostik und Therapie nach Altersgruppen und Schweregrad, um die bislang sehr heterogene und für die betroffenen Patientinnen und Patienten nicht zufriedenstellende Versorgung zu verbessern. Die unter Federführung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) entstandene Leitlinie konzentriert sich auf die diagnostisch relevanten Untersuchungen und auf therapeutische Empfehlungen (topische und systemische Wirkstoffe). Besonders in den Blick genommen werden die psychosozialen Auswirkungen der Erkrankung. Aufgabe der Ärztin/des Arztes ist es, von Behandlungsbeginn an neben den klaren diagnostischen und therapeutischen Empfehlungen die Betroffenen über psychologische Unterstützungsmöglichkeiten, Selbsthilfegruppen und kosmetische Angebote zu informieren. 

Kreisrunder Haarausfall, medizinisch Alopecia areata genannt, betrifft in Deutschland etwa 170.000 Menschen. Die jährliche Neuerkrankungsrate beträgt etwa 70.000 Personen. Die Alopecia areata ist eine chronische immunvermittelte Erkrankung, die von kleinen haarlosen Arealen auf der Kopfhaut bis zum vollständigen Verlust der Kopf- und Körperhaare reicht. Ihr Verlauf ist unvorhersehbar und variabel. So kann es im Laufe der Zeit zu Schüben, zur spontanen Heilung (Remission) oder auch zu einem Fortbestehen von ausgeprägter Haarlosigkeit kommen.
Die Ursache ist noch nicht vollständig geklärt, aber Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass der Zusammenbruch des Immunprivilegs des Haarfollikels zusammen mit genetischen und äußeren Faktoren eine zentrale Rolle spielt. „In einigen wenigen Geweben und Organen im menschlichen Körper wie zum Beispiel dem Haarfollikel, ist zum Selbstschutz die Immunantwort herabgesetzt. Es ist also ein Privileg, dass das Immunsystem hier vermindert wirkt“, erklärt Prof. Dr. med. Ulrike Blume-Peytavi vom Klinischen Studienzentrum für Haut- und Haarforschung, Charité – Universitätsmedizin Berlin, die die S3-Leitlinie Alopecia areata koordinierte. Bei einem normalen Haarwachstumszyklus finden sich dort nur einzelne verstreute Immunzellen. Wenn dieses Haarfollikel-Immunprivileg zusammenbricht, kommt es zu krankhaften Veränderungen des Haarwachstums mit Unterbrechung der Wachstumsphasen und verfrühtem Ausfallen der Haare.

Zur Behandlung der Alopecia areata standen lange nur die klassischen symptomorientierten Therapien zur Verfügung, vor allem topische Steroide, orale Immunsuppressiva oder auch topische Sensibilisierungstherapien. Neue Therapieansätze beruhen auf dem Einsatz von JAK-Inhibitoren, die in das Immunsystem eingreifen. „Durch die evidenzbasierten und eindeutig formulierten Empfehlungen für oder gegen eine bestimmte Therapieoption gibt die Leitlinie den Behandelnden eine gute Orientierung“, sagt Blume-Peytavi. Ziel ist auch, die Rate an Patientinnen und Patienten mit einer nicht-indizierten oder nicht adäquaten systemischen, immunsuppressiven Therapie und somit auch die durch die Behandlung unerwünschten Nebenwirkungen zu verringern. Die Leitlinie geht daher auch auf Wirkstoffe ein, die sich in der Behandlung der Alopecia areata als wirkungslos herausgestellt haben.

Mit einer leitliniengerechten Behandlung unter Berücksichtigung der 79 Empfehlungen und sechs Statements der neuen S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Alopecia areata bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“ kann sich die Zufriedenheit und Lebensqualität der Patientinnen und Patienten erhöhen. Die Leitlinie richtet sich an Ärztinnen und Ärzte der Kinder- und Jugendmedizin, an Dermatologinnen und Dermatologen, aber auch an Psychosomatiker und Patientinnen und Patienten. „Denn Menschen mit Haarerkrankungen zeigen im Vergleich zu Gesunden ohne Hautkrankheit häufiger Angstzustände, eine niedergeschlagene und/oder depressive Stimmung und eine geringere Lebensqualität“, konstatiert Blume-Peytavi.

Psychosoziale Folgen von Anfang an berücksichtigen
Die starke psychosoziale Belastung vieler Betroffener beruht auf der Sichtbarkeit der Alopecia areata und dem Erleben von Abwehr oder Misstrauen im sozialen Umfeld. Aber auch der unvorhersehbare klinische Verlauf und der aktuell noch bestehende Mangel an kurativen Therapien kommen als Belastungsfaktoren hinzu. „Die Krankheit ist in jedem Alter eine Herausforderung, aber Kinder und Jugendliche sind aus meiner Erfahrung besonders anfällig für psychische Belastung sowie Mobbing und soziale Isolation durch Gleichaltrige“, betont Blume-Peytavi.
Die Expertengruppe empfiehlt, Patientinnen und Patienten von Anfang an umfassend über psychosoziale Hilfs- und kosmetische Angebote zu informieren. „Unsere Aufgabe als Behandelnde ist es, das ganze Spektrum für Management und Krankheitsbewältigung in seiner Vielfalt aufzuzeigen. Das hilft bei der Krankheitsbewältigung und kann Ängste und Sorgen für mögliche Entwicklungen im Verlauf der Erkrankung reduzieren“, sagt Blume-Peytavi. In der Leitlinie sind diese Angebote in einer tabellarischen Übersicht kompakt zusammengefasst.

Nahrungsergänzungsmittel ohne Wirkung
Viele Patientinnen und Patienten möchten den Behandlungserfolg unterstützen und sind daher an Hinweisen zu Nahrungsergänzungsmitteln interessiert. „Wir haben nur sehr schwache Hinweise auf unterstützende Vitalstoffe (Vitamin C, Eisen und Zink) gefunden. Es gibt keine identifizierte Evidenz und daher keine Empfehlung für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Behandlung der Alopecia areata“, so die Haar-Expertin. Vitamin A, Vitamin D, Biotin, Niacin, Selen, Curcumin und Capsaicin zeigen keine positive Wirkung.

„Patientenorientierung ist mittlerweile eine in der Medizin fest verankerte Größe. Die neue Leitlinie zur Alopecia areata zeigt sehr schön, wie bereichernd es ist, diese Perspektive einzubeziehen. Das nützt nicht nur den Patientinnen und Patienten, sondern auch den Behandelnden“, sagt Prof. Dr. med. Silke Hofmann, Direktorin des Zentrums für Dermatologie, Allergologie und Dermatochirurgie, HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal und Beauftragte für die Öffentlichkeitsarbeit der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Für Hofmann ist die zur S3-Leitlinie erschienene Patientenleitlinie eine konsequente Fortführung dieses Ansatzes, denn wenn beide Seiten umfassend informiert sind, kann die geteilte Entscheidungsfindung (shared decision making) gelingen.
Das Fazit der beiden Dermatologinnen lautet: Eine leitliniengerechte Behandlung des kreisrunden Haarausfalls hilft eine Über- oder auch Fehlversorgung zu verringern, kann vielfache Arztkontakte und auf der Patientenseite möglicherweise auch psychosomatische Folgeerscheinungen reduzieren.

Abwarten oder medikamentös behandeln?
Es gibt noch keinen Therapieansatz, um die Krankheit ursächlich zu heilen. Die zur Verfügung stehenden Optionen behandeln die Symptome bei einem Teil der Betroffenen durchaus gut und es kommt zu einer teilweisen oder auch vollständigen Wiederbehaarung. Mit dem Beenden der Therapien fallen die Haare aber häufig erneut aus. „Watch and Wait“ ist eine mögliche Behandlungsoption in den ersten sechs Monaten, denn spontanes Nachwachsen ist innerhalb dieser Zeit (vor allem bei mildem umschriebenen Verlauf) möglich, allerdings nur bei einem sehr kleinen Anteil von Patienten (<10%). Für die Betroffenen ist das geduldige Abwarten schwierig. Bedenkt man aber, dass jedes Medikament Wirkungen und Nebenwirkungen hat und man vor allem bei Kindern und Jugendlichen stets Nutzen und Risiko abwägen muss, ist eventuell das „Watch and Wait“-Verfahren mit den in Frage kommenden Patientinnen und Patienten zu diskutieren. Auch hier können kosmetische Tipps (Perücke, vorgewickelte Tücher tragen etc.) helfen, um diese schwere Zeit zu überbrücken.

Literatur:
S3 Leitlinie Diagnostik und Therapie der Alopecia areata. Langfassung. Version 1.0, 18.09.2025
https://register.awmf.org/assets/guidelines/013-104l_S3_Diagnostik-Therapie-Alop...
Kurfassung: https://register.awmf.org/assets/guidelines/013-104k_S3_Diagnostik-Therapie-Alop...
Patientenleitlinie: https://register.awmf.org/ass

Quelle: Deutsche Dermatologische Gesellschaft e.V. (DDG)

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