Kreisrunder Haarausfall: Viele Betroffene erhalten nicht die Hilfe, die möglich wäre
8. Februar 2026 - Dr. A. Finner, Dr. U. Schwichtenberg
Wenn plötzlich ganze Haarbüschel ausfallen, ist der Schock groß. Für viele beginnt dann eine lange Suche nach Hilfe – mit Arztbesuchen, Behandlungen und eigener Recherche im Internet. Ursache ist oft kreisrunder Haarausfall(medizinisch: Alopecia areata). Die Erkrankung ist weiter verbreitet, als viele denken: Weltweit sind rund 1,6 % der Menschen betroffen. In Deutschland leben schätzungsweise über 150.000 Betroffene.
Typisch sind plötzlich auftretende kahle Stellen, vor allem auf der Kopfhaut oder im Gesicht. In schweren Fällen können alle Kopf-, Gesichts- und Körperhaare ausfallen. Zwar gilt die Erkrankung als nicht heilbar, sie lässt sich jedoch mit Medikamenten oft gut lindern.
Für viele ist der Haarverlust nicht nur ein äußerliches Problem, sondern eine große seelische Belastung. Kahlstellen sind schwer zu verbergen, besonders im Gesicht. Aus Angst vor Blicken oder Kommentaren ziehen sich manche Betroffene aus dem Alltag zurück. Umso frustrierender ist es, dass viele wirksame Behandlungen in Deutschland nicht von den Krankenkassen bezahlt werden. Der Grund: Sie gelten rechtlich als sogenannte „Lifestyle-Medikamente“, obwohl sie das Leiden deutlich mindern könnten. Wer sich die oft hohen Kosten nicht selbst leisten kann, bleibt ohne Therapie.
Eine aktuelle Studie aus Hamburg hat untersucht, wie gut Menschen mit kreisrundem Haarausfall in Deutschland tatsächlich versorgt sind. Dafür wurden Gespräche mit Betroffenen und Hautärztinnen und -ärzten geführt und Abrechnungsdaten einer großen Krankenkasse ausgewertet (Quelle: Janke TM. Identifying Barriers and Disparities in the Healthcare of Patients with Alopecia areata: A Mixed-methods Analysis Using Claims Data and Qualitative Interview Data. BMJ Open. 2025;15:e098802).
Das Ergebnis ist ernüchternd: Nur knapp 60 % der Betroffenen erhalten überhaupt Medikamente. Meist werden Salben oder Lösungen verschrieben, die die Symptome etwas lindern, den Krankheitsverlauf aber kaum beeinflussen. Moderne, gezieltere Therapien kommen fast nie zum Einsatz. Auffällig ist auch: Menschen in Städten und Frauen werden häufiger behandelt als Männer oder Menschen auf dem Land. Die seelische Belastung ist hoch. Rund ein Drittel der Betroffenen nimmt psychotherapeutische Hilfe in Anspruch – deutlich mehr als im Bevölkerungsdurchschnitt. In Interviews berichten viele von Frust über hohe Kosten, wenige Therapieoptionen und das Gefühl, nicht ernst genommen oder ausreichend informiert zu werden. Auch Ärztinnen und Ärzte schildern ihre Unzufriedenheit, da ihnen wirksame Medikamente aus Kostengründen oft nicht zur Verfügung stehen.
Dabei könnte eine bessere Versorgung viel bewirken: weniger sichtbare Symptome, weniger psychischer Druck und mehr Sicherheit im Alltag. Viele Betroffene wünschen sich deshalb bessere Aufklärung, mehr Mitsprache bei Behandlungen und mehr Anerkennung ihrer Erkrankung.
Fazit: Kreisrunder Haarausfall ist kein kosmetisches Problem, sondern eine ernsthafte Erkrankung des Immunsystems. Solange wirksame Therapien nicht ausreichend anerkannt und erstattet werden, bleibt die Versorgung in Deutschland unzureichend – trotz vorhandener medizinischer Möglichkeiten.
Dr. Andreas Finner (www.trichomed.com), Dr. Uwe Schwichtenberg (www.Derma-Nord.de)
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