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Alopecia areata bei Kindern

Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi

Mögliche Ursachen und Ausprägungen

Die Alopecia areata (AA) äußert sich in meist plötzlich auftretendem, umschriebenem, kreisförmigen, nicht vernarbenden Haarausfall. Daher wird im Deutschen diese Erkrankung auch "kreisrunder Haarausfall" genannt. Sie verläuft häufig schubweise rasch fortschreitend und kann in mehreren Formen auftreten. Bei Kindern findet man am häufigsten die Alopecia areata circumscripta im Bereich der Kopfhaut, aber auch Augenbrauen, Wimpern oder andere Körperhaare können im Kindesalter betroffen sein. Von einer Alopecia areata totalis spricht man, wenn alle Haare auf dem Kopf ausfallen. Bei einer Alopecia areata universalis fallen zusätzlich auch die Haare am übrigen Körper aus. Der eher seltene und mit am schwierigsten zu behandelnde Ophiasis Typ bezeichnet ein Ausfallen der Haare vor allem am Hinterkopf, das sich bandförmig bis hinter die Ohren zieht. Zusätzlich zu dem Verlust der Haare können auch Wachstumsstörungen der Nägel auftreten, die in seltenen Fällen das einzige Zeichen einer AA sein können. Gelegentlich treten auch Lymphknotenschwellungen auf.

Jungen und Mädchen sind gleich häufig betroffen. Der Haarverlust an der Kopfhaut findet ohne klinisch sichtbare Entzündungszeichen statt; es ist lediglich eine geringe ödematöse Schwellung zu ertasten mit sog. Ausrufezeichen-Haaren im Randbereich. Häufig sind eine atopische Diathese (10-20 %), eine Weißfleckenerkrankung (Vitiligo) (1-4 %) oder Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse (1-2 %) mit der AA verbunden. Ein gehäuftes Auftreten der AA ist auch beim Down Syndrom (Trisomie 21) bekannt. Eine atopische Diathese bezeichnet eine vererbbare Neigung zur Entwicklung von Allergien der Haut und der Schleimhäute gegenüber bestimmten Stoffen der Umwelt wie z.B. Pollen. Zu den dadurch bedingten sogenannten atopischen Erkrankungen gehören die Neurodermitis, der Heuschnupfen und das allergische Asthma bronchiale.

Die genaue Ursache der AA ist bis heute unbekannt und Gegenstand intensiver Forschung. Möglicherweise handelt es sich um eine sogenannte Autoimmunerkrankung, bei der Abwehrzellen des Immunsystems das eigene Körpergewebe bekämpfen, in diesem Fall den Haarfollikel. Unterstützt wird diese These unter anderem durch das überzufällig häufige Auftreten von AA zusammen mit anderen Autoimmunerkrankungen. Hinweise auf das Mitwirken genetischer Faktoren ergeben sich aus den Beobachtungen, dass die AA öfters auch bei mehreren Familienmitgliedern auftritt. Darüber hinaus existieren noch viele, durch klinische Beobachtungen gestützte Vermutungen über die möglichen Auslöser der AA, die jedoch noch mit wissenschaftlichen Daten belegt werden müssen.

Der Verlauf einer AA ist für den konkreten Einzelfall nicht vorhersagbar. In vielen Fällen kommt es jedoch zu einer spontanen Rückbildung der Erkrankung (30-40 %) und einem Wiederwachsen der Haare. Diese Spontanremission tritt häufig innerhalb der ersten 6 Monate auf, sie ist aber oft auch von einer hohen Rückfallquote begleitet. Folgende Kriterien haben sich als prognostisch schlechte Faktoren erwiesen: Erstmanifestation vor der Pubertät, Bestandsdauer länger als 1 Jahr, positive Familienanamnese, atopische Diathese, Nagelveränderungen, assoziierte Autoimmunerkrankungen, Haarausfallsmuster vom Ophiasis-Typ.

Der Leidensdruck der Patienten ist unterschiedlich stark ausgeprägt, ganz besonders bewusst wird es den Kindern selbst mit Eintritt in das Schulleben und wenn sie von anderen Mitschülern geneckt oder auch gehänselt werden. Häufig leiden vor allem aber auch die Eltern sehr unter der Erkrankung ihres Kindes und sind sehr besorgt, dass sie etwas versäumen könnten und verzagen in einzelnen Fällen, dass sie keine zufriedenstellende Lösung für die Erkrankung ihres Kindes finden können.

Die Behandlung

Bei Kindern tritt die AA vor allem im Alter von 3-12 Jahren auf. Bevor jedoch eine spezifische Behandlung begonnen wird, muss erst einmal die Diagnose der Alopecia areata gesichert sein. Andere Erkrankungen wie zum Beispiel Pilzinfektionen der Kopfhaut (Tinea capitis), aber auch bewusstes oder unbewusstes Ausreißen (Trichotillomanie) oder Abschneiden der eigenen Haare (Trichotemnomanie) durch die Patienten selbst können einen kreisrunden Haarausfall vortäuschen. Im letzteren Fall liegen zumeist psychische Spannungen zugrunde, die in intensiven Gesprächen mit den Kindern aufgedeckt werden können.

Als Kriterien für die Auswahl einer geeigneten Behandlung sind insbesondere das Alter der Kinder, die Dauer und die Ausprägung der Erkrankung sowie das eventuelle zusätzliche Vorliegen einer der oben genannten Krankheiten entscheidend. Zusätzlich muss jedoch auch das soziale Umfeld der Kinder berücksichtigt werden, also die Einbindung in die Familie und die Situation im Kindergarten oder in der Schule. Im Allgemeinen lässt sich sagen, dass die Aussichten auf einen durchgreifenden Erfolg der Therapie günstig sind bei kleinflächiger AA, einem Beginn der Erkrankung nach der Pubertät, einer Dauer unter einem Jahr und dem Fehlen weiterer Erkrankungen. Demzufolge ist eine Behandlung als schwieriger einzustufen in ausgeprägten, rasch voranschreitenden Fällen, einem Beginn vor der Pubertät, einer Dauer von länger als einem Jahr und dem Vorliegen von zusätzlichen autoimmunologischen Erkrankungen.

In akuten, also erst seit kurzem bestehenden und fortschreitenden, gering ausgeprägten Fällen der AA sollte zunächst nach Entzündungsherden im Körper gesucht werden, die zwar nicht als grundlegende Ursache, aber als mitauslösender Faktor in Frage kommen können. Wird hierbei z.B. eine chronische Mandel- oder Nasennebenhöhleninfektion gefunden, sollten diese behandelt werden, auch wenn dies nicht unbedingt zum Nachwachsen der haarlosen Areale führen wird.

Die Alopecia areata ist keine seltene Diagnose im Kindesalter. In Abhängigkeit von der Krankheitsaktiviät und Progredienz wird in der akuten Phase zunächst 4-6 Wochen lang im Bereich der kahlen Stellen auf dem Kopf mit einer kortisonhaltigen Creme oder Lösung behandelt. Nach Abklingen der Akutphase kann sich eine lokale Reiztherapie mit Dithranol (Psoralon®, Plesial®, Micanol®) anschließen. Dithranol ist ein Wirkstoff, der üblicherweise in der Therapie der Schuppenflechte eingesetzt wird. Eine weitere Möglichkeit, allerdings erst bei Kindern höheren Alters (>12-14 Jahre) ist die topische (örtliche) Immuntherapie mit Diphenylcyclopropenon (DCP). Hierbei handelt es sich um eine Substanz, die immer und bei jedem Menschen eine Kontaktallergie hervorruft. Da diese Substanz normalerweise im täglichen Leben nicht vorkommt, nimmt man die Auslösung dieser Kontaktallergie in Kauf, um diese allergische Reaktion, die bei AA eine das Nachwachsen der Haare stimulierende Wirkung auslösen kann, zu erzielen. Es handelt sich hierbei jedoch um eine experimentelle Therapie, die der Zustimmung einer örtlichen Ethikkommission bedarf und je nach Bundesland mit einer unterschiedlichen Altersgrenze eingesetzt werden darf. Ebenso müssen die Eltern ihr schriftliches Einverständnis geben. In einigen Fällen mit gering ausgeprägtem Befall und guten prognostischen Kriterien ist ein abwartendes Verhalten aufgrund der hohen Spontanremissionsrate durchaus gerechtfertigt.

Als unterstützende allgemeine Maßnahmen kann eine 3-6-monatige orale hochdosierte Zinkgabe (bis zu 200 mg Zinkaspartat, z. B. Unizink 50®) und bei Eisenmangel eine orale Eisensubstitution erwogen werden, ebenso wie die Behandlung von eventuellen Begleiterkrankungen.

In der Behandlung der AA ist der Hautarzt der erste Ansprechpartner, insbesondere in Hinblick auf die Stellung der Diagnose. Im weiteren Verlauf kann die Zusammenarbeit mit der Spezialsprechstunde einer Hautklinik notwendig sein, nicht zuletzt, da nicht alle oben genannten Therapieformen in der Praxis eines niedergelassenen Arztes durchgeführt werden können. Sinnvoll ist eine Zusammenarbeit mit dem Kinderarzt, der die kleinen Patienten zumeist am besten kennt und z.B. bei der Suche nach Entzündungsherden von vornherein in die Behandlung mit eingebunden werden kann.

Abhängig von der sozialen Situation und dem Krankheitsempfinden durch den Patienten selbst, aber häufig auch durch dessen Eltern, kann psychotherapeutische Betreuung (z. B. Spieltherapie) eine wertvolle unterstützende Maßnahme zur Krankheitsbewältigung (Coping) darstellen. Die Hauptaufgabe in der Bewältigung der Alopecia areata ist jedoch die Beratung der Eltern und die psychosoziale Unterstützung von Eltern und betroffenen Kindern. Neben psychotherapeutisch geschulten Fachkräften kommt vor allem den Selbsthilfegruppen wie der Alopecia Areata Deutschland e.V. (AAD) eine wichtige Bedeutung zu, da sich hier Betroffene und deren Eltern untereinander austauschen und hilfreich zur Seite stehen können.

Informationen zu den einzelnen Gruppen des AAD bekommen Sie über die Bundesgeschäftsstelle in Krefeld, Postfach 100 145, 47701 Krefeld oder unter www.kreisrunderhaarausfall.de.

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