Aktuelles
Seit einigen Monaten werde ich in der Haarsprechstunde immer wieder von Patienten gefragt, was ich von dem vielen Medien beworbenen Produkt „Crescina“ halten würde. Das Produkt war mir jedoch bislang aus der wissenschaftlichen Fachliteratur völlig unbekannt. Der Verdacht liegt also nahe, dass es sich hier erneut um ein heftig beworbenes Kosmetikum handelt, und nicht um ein geprüftes Medikament. In den vergangenen Jahren haben sich wegen vieler verschiedener Produkte immer wieder verunsicherte Verbraucher bei mir gemeldet. Deshalb habe ich hier beispielhaft einmal genauer recherchiert.
Zunächst: Was ist „Crescina“? Hierzu findet man im Internet (http://www.crescina.com) unter anderem diese Informationen (kursiv gedruckt):
Crescina wurde 1991 in den Labors Labo Cosprophar als ein sich aus Aminosäuren, Cystin und Lysin zusammensetzender Komplex entwickelt und in ein haarausfallhemmendes Präparat mit gefäßerweiternder Aktion eingekapselt, das durch Einwirkung auf die noch aktiven Haarwurzeln auch den Haarnachwuchs zu unterstützen vermag.
Es handelt sich also um die Aminosäuren Cystin und Lysin. Diese Aminosäuren nehmen wir jedoch täglich in grosser Menge zu uns. Warum also teuer in der Apotheke kaufen.
Welche Beweise gibt es für die Wirksamkeit? Die Wirksamkeit zur Förderung des Haarwuchses wird in verschiedenen „Studien“ angeblich belegt belegt:
1) Klinischer Test - Dermatologische Klinik; Datum: 15. Juli 1999: „Diese klinische Studie belegt die Wirksamkeit von Crescina als Hilfsmittel des natürlichen Haarwuchses und als Präparat, das den Lichtungszustand der Kopfhaut zu reduzieren vermag. Die Studie wurde vom ärztlichen Team einer publiken Dermatologischen Klinik der Heilanstalt im Juli 1999 abgeschlossen“
1999 – das scheint nicht besonders aktuell zu sein! Warum erst jetzt so heftig beworben? Zudem wirft die Nennung eines „ärztlichen Teams einer publiken Dermatologischen Klinik der Heilanstalt“ zahlreiche Fragen auf. Welche Ärzte? Welche Klinik? Warum keine Namen?
„Im Verlauf der sechsmonatigen Studien wurden 30 freiwillige Probanden, darunter 19 Männer und 11 Frauen im Alter zwischen 20 und 52, der Behandlung unterzogen“.
Also wurde keine wissenschaftliche Studie, sondern nur eine offene Anwendungsbeobachtung über lediglich 6 Monate durchgeführt. Am Ende beurteilen sich die Testpersonen selbst.
Eine moderne, evidenzbasierte und deswegen wissenschaftlich korrekte Studie sollte jedoch:
- ein möglichst homogenes Patientengut untersuchen;
- die Patienten randomisiert einem Verum- oder Plazebo-Arm zuweisen;
- doppelblind durchgeführt werden, das heisst weder Proband noch beurteilender Prüfarzt wissen, ob Verum oder Plazebo verwendet wurde;
- über eine angemessen lange Zeit durchgeführt werden; dies ist in der Trichologie mindestens 1 Jahr;
- sowie sich relevanter Endpunkte wie z.B. der Messung objektivierbarer Haardichteveränderung und der standardisierten Kopfhautfotografie nach Canfield bedienen.
Keiner dieser Parameter ist bei der Crescina-„Studie“ eingehalten worden. Des weiteren werden folgende „Studien“ auf der Homepage gelistet:
2) Klinisch-instrumentaler Test am Institut für Chemische Forschungen und Bioengineering (Mailand). Datum: 5. Mai 1999
3) Klinisch-instrumentaler Test am Institut für Chemische Forschungen und Bioengineering (Mailand). Datum: 20. Februar 2001
4) Effects of Crescina® on human primary epidermal and dermal cells - Investigators: V C Biotechnology
Keine dieser Untersuchungen erforschte die wissenschaftlich relevanten Kriterien, auch nicht die letztgenannte In-vitro-Studie. Schliesslich wird eine Apothekerbefragung in 497 Apotheken angeführt. Das Ergebnis ist wie zu erwarten eine hohe Kunden- und Apothekerzufriedenheit. Kein Wunder: Kundenzufriedenheit schafft man bei zu kurzer Beobachtungsdauer mit jedem Produkt (Stichwort: Suggestion) und Apothekerzufriedenheit bezieht sich wahrscheinlich vor allem auf die gemachten Umsätze.
Die hier exemplarisch angestellten Überlegungen lassen sich auf zahlreiche weitere Produkte übertragen. Sie können als Anhalt und Denkanstoß dienen, um von Herstellern gemachte Angaben eigenständig und kritisch zu überprüfen.
Mein Fazit: Von Haarausfall betroffene Frauen und Männer sollten zunächst einen Fachmann für dieses Problem kontaktieren: den Dermatologen. Dieser wird die je nach vorliegender Art des Haarausfalls wirksamen Therapieoptionen empfehlen.
Prof. Dr. med. Hans Wolff
Leiter der Haarsprechstunde
Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie
Ludwig-Maximilians-Universität München
Frauenlobstr. 9-11
D-80337 München
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